"Tag für Tag verschwindet Glück ins trübe Licht ich kann mich nicht gewöhnen - und trotzdem lebe ich" - (Tag für Tag |Thron | 2016 )

Biographie

Joachim Witt – eine deutsche Stimme

Joachim WittDeutschland ist einer der größten und wichtigsten Musikmärkte der Welt. Kein Wunder also, dass von der Bundesrepublik immer wieder wegweisende Impulse ausgegangen sind. Ein wesentlicher Beitrag war ohne Zweifel der elektronisch inspirierte Krautrock der Siebzigerjahre mit Kraftwerk, Neu! und Can. In diesen Zeiten nahm auch die Karriere des jungen Joachim Witt ihren Anfang. 1980 konnte er bereits für den psychedelischen Westcoast-Rock seiner Band Duesenberg den Deutschen Schallplattenpreis – dem damaligen „Echo” – einheimsen. Doch Joachim Witt hatte seine Ziele noch sehr viel höher gesteckt …

Als wenig später die Neue Deutsche Welle der hiesigen Musikwelt ein völlig neues Gesicht verlieh, stand auch Joachim Witt hoch auf der Leiter. Bis heute ist sein „Goldener Reiter” untrennbar mit diesem aufregenden Kapitel deutscher Musikgeschichte verbunden. Das Solodebüt „Silberblick” hat inzwischen Kultstatus, während die Nachfolger „Edelweiß” und „Märchenblau” mit dadaistischen Experimenten wie dem unvergessenen „Herbergsvater (Tri Tra Trulala)” den Weg in eine lange künstlerische Zukunft wiesen. Seine musikalische Eigenständigkeit war es schließlich auch, die Witt davor bewahrte, mit der Ebbe der NDW fortgespült zu werden. Im Laufe der folgenden zehn Jahre konnte er sich mit den Alben „Mit Rucksack und Harpune”, „Moonlight Nights” und „Kapitän der Träume” immer wieder Gehör verschaffen.

1997 sollte eine erneute Welle deutscher Musiker die Republik heimsuchen. Und wieder segelte Joachim Witt souverän voraus. Seine Single „Die Flut”, im Duett mit dem damaligen Insidertipp Peter Heppner (Wolfsheim) erhielt prompt Platin. Gemeinsam mit den heutigen Chartstürmern Oomph! ebnete Witt den Weg für eine neue Form des Deutschrock, mit dem unter anderem Rammstein die Welt erobern sollten. Markantestes Merkmal jener Strömung war die kontroverse Auseinandersetzung mit der deutschen Kultur. Zwar meinten einige Kritiker teutonisches Muskelspiel zu erkennen, doch im Grunde suchte nur das wiedervereinte Deutschland nach einer gemeinsamen musikalischen Identität. Auch Joachim Witt hatte mit dem Album „Bayreuth 1” den Nerv jener Zeit getroffen.

Doch waren noch längst nicht alle Fragen des, mittlerweile sozialpolitisch engagierten, Künstlers gestellt. „Bayreuth 2” setzte die Suche nach den nationalen Wurzeln textlich und musikalisch fort. Joachim Witt hat geschafft, wovon viele Kollegen träumen: Fast 20 Jahre nach seiner ersten Erfolgswelle hat er sich mit gereiftem Image neu positionieren und die Massen für sich und seine Songs begeistern können. Bis heute hat er stolze 900.000 Tonträger verkauft. So konnte er es sich auch leisten, mit den folgenden Alben „Eisenherz” und „Pop” einige Experimente zu wagen. Ob ironische Textgestaltung oder branchenfremde Duettpartner – Joachim Witt hat stets die Herausforderung gesucht.

Die findet er auch heute, 2006. Auf „Bayreuth 3” greift Witt die ökonomischen Prozesse des Landes auf. Und wieder einmal richtet sich sein Blick dabei auf den Menschen in all seinen individuellen Ausprägungen. Mal zornig, mal melancholisch, changierend zwischen Ironie und Sarkasmus übt Witt Gesellschaftskritik, die den Punkt trifft. Gehör verschafft er sich nun auch erstmals in den USA, wo das Album, nach dem erfolgreichen Beitrag zu einem Dancing Ferret-Sampler, jüngst erschienen ist. Nach fast 30 Jahren im Showgeschäft ist Joachim Witts Position als Grandseigneur des Rock unbestritten. Er ist eine Stimme Deutschlands geworden – der man aufmerksam zuhört.

Elmar Klemm